Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson

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Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson

Beitrag  Gast am Mo Mai 10, 2010 12:09 am

Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde) ist eine Novelle des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson (1850–1894) aus dem Jahr 1886. Sie ist eine der berühmtesten Ausformungen des Doppelgängermotivs in der Weltliteratur.

Inhalt
Während eines Spazierganges erzählt Richard Enfield seinem Cousin Utterson eine schaurige Geschichte, an die ihn der Anblick eines Hauses erinnert hat: Vor einiger Zeit hatte eine zwielichtige Gestalt namens Hyde rücksichtslos ein kleines Mädchen zu Boden gestoßen und war anschließend über das Kind hinweggetrampelt. Passanten hielten Hyde fest und Enfield ergriff die Initiative. Er handelte mit Hyde eine Entschädigung von 100£ aus, worauf ihn Hyde zum besagten Haus führte, um wenig später mit Bargeld und einem Scheck über den Rest der Summe zurückzukehren. Da der Scheck auf den Namen einer respektablen Londoner Persönlichkeit lautete, hielten die Beteiligten Hyde fest, bis dieser das Papier am folgenden Morgen persönlich bei der Bank einlösen konnte. Enfield nennt den Namen des Unterzeichnenden nicht, und nach kurzer Diskussion kommen Utterson und er überein, nicht mehr von der Sache zu sprechen.

Utterson kann diese Geschichte jedoch nicht vergessen - sie bereitet ihm Albträume, besonders, weil er weiß, wer der Aussteller des Schecks ist: Sein Mandant und Freund Dr. Jekyll. Als dieser dann noch sein Testament für den Fall seines Todes oder seines „spurlosen Verschwindens“ bedingungslos zu Gunsten von Hyde ändert, sucht Utterson einen alten Freund von Jekyll und ihm auf, den Arzt Dr. Hastie Lanyon. Utterson hofft, dort mehr über die Verbindung zwischen Jekyll und Hyde herauszufinden. Lanyon allerdings hat mittlerweile kaum noch Kontakt zu Jekyll, nachdem er sich wegen Jekylls Forschungsarbeit mit ihm überworfen hatte. Da Utterson bei Lanyon nicht die erhofften Informationen über Hyde bekommen kann, fängt er an, so oft wie möglich die besagte Tür zu überwachen. Nach einiger Zeit ist sein Bemühen von Erfolg gekrönt: Er trifft Hyde, als dieser das Hinterhaus betreten will. Obwohl ihn Aussehen und Art von Hyde abstoßen, spricht er ihn an und bekommt von ihm sogar eine Visitenkarte. Hyde verschwindet danach abrupt und ohne Verabschiedung im Haus.

Kurze Zeit später besucht Utterson Jekyll. Dieser bittet ihn, dafür zu sorgen, dass Hyde im Erbfall „sein Recht erhält“ - unabhängig davon, welchen negativen Eindruck Hydes Wesen und Habitus auch immer hinterlassen. Weiterhin bittet Jekyll Utterson, die Sache nun auf sich beruhen zu lassen.

Ein Jahr vergeht ohne nennenswerte Vorkommnisse. Dann beobachtet ein Dienstmädchen eines Nachts den Mord an Sir Danvers Carew, einem Abgeordneten des Parlaments. Carew war ebenfalls ein Klient Uttersons, so dass die Polizei ihn deswegen kontaktiert. Utterson vermutet, dass Hyde die Tat begangen hat. Sein Verdacht erhärtet sich, als am Ort des Verbrechens eine Hälfte eines zerbrochenen Spazierstocks gefunden wird - Utterson selbst hatte Jekyll diesen Stock vor einigen Jahren geschenkt. Der Anwalt gibt der Polizei die Adresse von Hyde. Eine Durchsuchung der Wohnung in Soho ergibt zwar, dass Hyde dort gewohnt hat und auch am Tag der Tat dort kurz aufgetaucht ist. Er hat allerdings nur hastig ein paar Sachen eingepackt, um wieder zu verschwinden. Eine weitere Suche nach Hyde bleibt erfolglos.

Kurz darauf sucht Utterson Jekyll auf. Dieser behauptet, dass er alle Verbindungen zu Hyde abgebrochen habe und zeigt Utterson einen Brief, in dem sich Hyde für die vom ihm verursachten Unannehmlichkeiten entschuldigt und sich für immer verabschiedet. Ein Angestellter Uttersons bemerkt, dass die Schrift des Briefes der Handschrift Jekylls stark ähnelt.

In den folgenden Monaten tritt Jekyll häufig öffentlich in Erscheinung. Er wirkt befreit und genießt sein Leben. Kurze Zeit später empfängt er jedoch keine Besucher mehr und schließt sich in seinem Laboratorium ein. Nach einem kurzen Kontakt zu Lanyon ist dieser durch die Begegnung schwer erschüttert. Er stirbt kurze Zeit später, übergibt Utterson vorher allerdings noch einen Brief mit der strikten Anweisung, ihn erst nach Jekylls Tod zu öffnen.

Während eines weiteren Spaziergangs mit Enfield trifft Utterson Jekyll am Fenster seines Laboratoriums. Sie unterhalten sich eine Weile, bis sich das Gesicht Jekylls auf einmal hasserfüllt verzerrt und er abrupt und heftig das Fenster schließt. Kurze Zeit später sucht Poole, Jekylls Butler, Utterson nachts zu Hause auf. Er ist vollkommen verzweifelt und bittet Utterson, ihn zum Hause Jekylls zu begleiten. Er berichtet, dass Jekyll sich wieder in seinem Laboratorium eingeschlossen habe und dass er den Eindruck habe, dass hinter der verschlossenen Tür ein anderer als Jekyll wüte. Utterson und Poole eilen durch die windigen und dunklen Straßen. Im Hause Jekylls finden sie dessen Dienerschaft verängstigt in der Halle versammelt. Gemeinsam mit einem Diener brechen sie die Tür zum Laboratorium auf und finden Hyde sterbend auf dem Boden liegen. Hyde trägt Kleidung von Jekyll und hat offensichtlich Selbstmord begangen. Im Laboratorium findet sich ein Brief Jekylls an Utterson, in dem er seinem Anwalt die Geschehnisse erläutert.

Utterson nimmt Jekylls Brief ungelesen mit nach Hause. Dort öffnet er den Brief Lanyons und erfährt, dass Jekyll Lanyon um Hilfe gebeten hatte. Im Laufe dieser Begebenheit wird Lanyon Zeuge der Verwandlung des von Jekyll angemeldeten Besuchers Hyde in Jekyll selbst. Der Schock dieser Enthüllung trifft Lanyon so schwer, dass er kurze Zeit später daran verstirbt.

Jekylls Brief enthüllt Utterson, dass er es in seinen Experimenten geschafft hat, das Böse vom Guten in der menschlichen Seele zu trennen. Durch einen Trank verwandelte er sich in den gewissenlosen Hyde. Anfänglich genießt er die neu gewonnene Freiheit, allerdings muss er bald feststellen, dass die Trennung nur unvollständig ist. Es kommt vor, dass Jekyll sich während des Schlafes in Hyde verwandelt, ohne dass er vorher den Trank zu sich genommen hat. In einer dieser Nächte ermordet Hyde Carew in einem Anfall von sinnloser Wut. Nach dieser Tat versucht Jekyll, die Umwandlungen zu verhindern, doch zu seinem Entsetzen verwandelt er sich auf einmal mitten am Tag und mitten in einem öffentlichen Park in Hyde - zum ersten Mal im wachen Zustand.

Jekyll ist weit weg von seinem Laboratorium und ist als Hyde ein polizeilich gesuchter Mörder. Er versteckt sich, schreibt den Brief an Lanyon und bittet um Hilfe. Lanyon hilft ihm, kann seine Neugier jedoch nicht bezwingen, obwohl Hyde ihn warnt, und stirbt an den Folgen des dadurch erlittenen Schocks.

Ab diesem Zeitpunkt verwandelt sich Jekyll immer öfter spontan in Hyde. Auch benötigt er immer größere Mengen seines Trankes, um sich wieder zurück in Jekyll zu verwandeln. Als ihm eine Zutat des Trankes ausgeht, muss er feststellen, dass die nachgekaufte Substanz nicht die gleiche Wirkung zeigt wie die ursprünglich verwendete. Unter der Wirkung der letzten Dosis des funktionierenden Trankes schreibt er den Abschiedsbrief an Utterson. Jekyll weiß nicht, wie Hyde reagieren wird, und spekuliert in seinem Brief darüber, ob Hyde wohl für den Mord verurteilt und hingerichtet werden wird, oder ob er die Kraft aufbringen wird, sich selbst umzubringen. Auch ist ihm bewusst, dass, wenn der Gegentrank diesmal seine Wirkung verliert, dies das Ende des Lebens von Dr. Jekyll sein wird. Mit diesen Worten enden sowohl der Brief als auch die Geschichte.

Hintergrund
Vorbild für diese Erzählung war der schottische Kunsttischler William Brodie aus Edinburgh. Er führte unter seiner tugendhaften Fassade ein Doppelleben: tagsüber ein Vorzeigebürger, nachts ein Krimineller, der Einbrüche beging. Nach einem missglückten Coup gegen die schottische Finanzabteilung für indirekte Steuern floh er nach Amsterdam, wurde dort jedoch aufgegriffen, nach England überführt, interniert und vom Gericht zum Tod durch den Strang verurteilt. 1788 wurde das Urteil vollstreckt. Stevensons Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde ging ein gemeinsam mit William Ernest Henley verfasstes Drama Deacon Brodie (1880) voran. Stevensons Vater besaß angeblich Möbel aus der Herstellung von Brodie.

Die Geschichte spielt etwa 1886 in Großbritannien, wobei die beiden Seiten von London miteinbezogen werden. Der Cavendish Square war – damals wie heute – eine sehr wohlhabende Gegend, in der erfolgreiche Ärzte und Gentlemen lebten. Laut Stevenson war der ärmere Stadtteil Soho damals für seine Verbrechen und Sittenlosigkeit gefürchtet, weshalb Mr. Hyde dort auch unbehelligt leben kann. Der Mord findet freilich in dem wohlhabenden Viertel statt und erregt dort sehr viel größeres Aufsehen als es in Soho der Fall gewesen wäre, wo Morde an der Tagesordnung waren.

Im Original überlässt Stevenson es der Fantasie des Lesers, welchen Gelüsten sich Dr. Jekyll in der Gestalt von Hyde freiwillig hingab. In neueren Versionen wird oft berichtet, wie Hyde Frauen verschleppt, zusammenschlägt und vergewaltigt.

Wie sich ansonsten ein respektabler Mensch durch die Einnahme einer Droge verändern kann, dafür gibt es auch in Stevensons Jugend ein Beispiel: In einem Brief an seine Mutter beklagt er sich über einen Betrunkenen, der in seinem Hotel nachts herumlärmt, und den er als Brute beschimpft.

Jekyll bedient sich einer nicht näher definierten Droge, um die Kreatur aus seinem Körper zu extrahieren. Dass er sie als Tinktur und Zaubertrank bezeichnet, erinnert eher an einen faustischen Zaubertrank als an eine nach wissenschaftlichen Regeln synthetisierte Chemikalie. Auch die Szenerie, als er die Droge zusammenstellt, erinnert stark an die einer Hexenküche.

Interpretation
Dr. Henry Jekyll ist ein angesehener Mensch, eine der Stützen der Gesellschaft, im Beruf äußerst erfolgreich, in seiner Tugendhaftigkeit vorbildlich und in seinen karitativen Bestrebungen ein Muster christlicher Nächstenliebe. Seine Neigung zur Gewalttätigkeit spaltet er von sich ab, indem er sich eine zweite Gestalt, Mr. Hyde, zuordnet. Sie ermöglicht es ihm, seinen dunklen Trieben freien Lauf zu lassen. Gleichzeitig verdrängt Dr. Jekyll seine Untaten, in dem er als Jekyll die Verbrechen des Mr. Hyde wieder gut zu machen versucht.

Stevenson zeigt die Folgen erzwungener Verdrängung nicht gesellschaftskonformer Wünsche und kritisiert damit die Konventionen des Viktorianischen Zeitalters (1837–1901). Zugleich warnt die Erzählung vor den Folgen einer enthemmten Menschennatur ohne sittliche Selbstbeherrschung. Sie dringt in die Tiefe der menschlichen Seele und in die Tiefe der bürgerlichen Moralauffassungen vor, weshalb von vielen Interpreten auch Parallelen zur Psychoanalyse Sigmund Freuds gezogen werden: Das Ich findet keine stabile Mitte zwischen Es (Mr. Hyde) und Über-Ich (Dr. Jekyll). Die Analytische Psychologie in der Tradition Carl Gustav Jungs sieht in den „beiden“ Titelfiguren Ausprägungen der Archetypen der Persona und des Schattens. Häufig wird Hyde mit affenartig-primitiven Gesichtszügen ausgestattet. Dies lässt sich aus der zu dieser Zeit bereits heftig diskutierten Behauptung erklären, der Mensch stamme vom Affen ab, was populärwissenschaftlichen und falsch in Charles Darwins 1859 veröffentlichtes Buch Über die Entstehung der Arten hinein interpretiert wurde. Als Hyde entwickelt sich Henry Jekyll in der Evolutionsgeschichte zurück und wird von Trieben, nicht von Intelligenz gesteuert.

Die Metamorphose vom Wissenschaftler zum Kriminellen ist nicht frei von prophetischen Zügen. Es gibt schließlich auch einen Hinweis auf die Wirkung von Drogen: Dr. Jekyll experimentiert zunächst nur mit dem Trank, wird dann aber abhängig von ihm. Die Entfremdung von seinen Freunden erinnert deutlich an die eines Drogenabhängigen. Tatsächlich stirbt Dr. Jekyll in gewissem Sinne an der selbstentwickelten Droge, weil diese ausgeht und Mr. Hyde sich in Dr. Jekylls Körper unwiderruflich einnistet.

Wirkungsgeschichte
Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde erlangte für die moderne Horrorliteratur große Bedeutung. Das in eine neutrale (Gut und Böse in einer Person) und in eine negative Seite gespaltene Wesen wurde zu einem ihrer Archetypen, was sich in vielen Bearbeitungen des Stoffes niederschlug. So sind z.B. Comic-, Film- und literarische Figuren, die zwei unterschiedliche Gestalten haben wie Hulk, The Green Goblin aus Spider-Man, Two-Face aus Batman oder Die Maske eindeutig von Dr. Jekyll und Mr. Hyde inspiriert. In der Amazing Spider-Man-Comicserie erschien 2007/2008 die fünfbändige Kurzgeschichte Der seltsamste Fall des..., in der sich der skrupellose Wissenschaftler Dr. Zabo inspiriert von Stevensons Erzählung seine eigene Mr.-Hyde-Droge herstellt und als Riesen-ähnlicher Mr. Hyde gegen Spider-Man antritt.

Die Erzählung ist mit weit über 100 filmischen Adaptionen eine der am häufigsten verfilmten literarischen Vorlagen. Zudem gibt es zahlreiche Romanadaptionen, mehrere Theaterstücke und ein Musical mit dem Namen Jekyll und Hyde. Außerdem habe sich, so sagt man, der Autor Arthur Conan Doyle bei seinem Werk Sherlock Holmes von der Person des Mr. Utterson beeinflussen lassen.

Durch ihre außergewöhnliche Popularität regte die Erzählung vor allem im 20. Jahrhundert in den Medien oft Humoristen und Comiczeichner an. So sind im Satiremagazin MAD Cartoons erschienen, die auf Stevensons Text beruhen.

Die amerikanische Power Metal Band Iced Earth nahm für ihr 2001 erschienenes Album Horror Show das Lied Jekyll & Hyde auf. 1933 nahm sich Bandleader Benny Goodman des Themas an. Er spielte mit seiner Band den Titel Dr. Heckle and Mr. Jibe ein, komponiert und getextet vom Gitarristen Dick McDonough.

Der amerikanische Rock-Musiker Ozzy Osbourne nahm für sein 1997 erschienenes Album OZZmosis den Song My Jekyll doesn't Hide auf.

Der amerikanische Sänger der Band Blue October, Justin Furstenfeld verwendet Dr. Jekyll und Mr. Hyde in seinem Song Inner Glow im 2003 erschienenen Album History for Sale und beschreibt daran seine Persönlichkeit.

Quelle: wikipedia.de

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