Der letzte Exorzismus

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Der letzte Exorzismus

Beitrag  Kahlan am Di Aug 24, 2010 9:03 pm


Daniel Stamms pseudodokumentarischer Horrorfilm spielt clever in den Zwischenräumen unserer mythischen Welterklärungsmodelle.
Die wohl entscheidende Differenz zwischen dem Horror- und dem Splatterfilm liegt in der Ausgestaltung des für beide Genres definierenden Spannungsverhältnisses zwischen dem Zuvielsehen und dem Zuwenigsehen. Das Splatterkino tendiert deutlich zur detaillierten Offenlegung und erhebt das Zeigen, den Blick auf sein Objekt oder gar in dieses hinein, das Aufschneiden, Zerlegen, Separieren und in letzter Konsequenz Neukombinieren zu seinem zentralen Fetisch – und stößt gerade darum immer wieder an seine Grenzen, wenn alles Zeigbare am menschlichen Körper, der noch im fantastischsten Stoff immer wieder den zentralen Referenzpunkt des Genres ausmacht, bereits wiederholt vom Undergroundfilm bis zum Mainstreamkino an die Oberfläche gezerrt wurde. Das neue Splatterkino nach dem Höhe- und Endpunkt des comichaft karikierenden Splatterfilms mit Peter Jacksons Braindead (1992) musste deshalb zwangsläufig entweder ein humorfreies, betont sadistisches sein, wie es sich etwa im „kreativen Foltern“ der schwarzmoralischen Saw-Reihe (Saw, 2004, Saw II, 2005; Saw III, 2006; Saw IV, 2007; Saw V, 2008; Saw VI, 2009) manifestiert, oder, wie in Eli Roths beiden brillanten Hostel-Filmen (Hostel, 2006; Hostel 2, 2007), ein postmodernes.
Dem Horrorkino hingegen, das sich im Konflikt zwischen dem Sehen und dem Nichtsehen immer tendenziell auf die Seite des Verhüllens und Verbergens geschlagen hat, scheinen weniger Möglichkeiten zur Aktualisierung zur Verfügung zu stehen. Mit der postmodernen Ironie hat es sich noch selten gut vertragen – mehr als eine Handvoll auf beiden Ebenen funktionierender Horrorkomödien hat die Kinogeschichte kaum hervorgebracht –, und ein Mehr in Bezug auf Aufwand, Budget, Spezialeffekte hat für den Genrefilm noch immer ein Weniger an Schrecken bedeutet. Statt also, wie gelegentlich vor allem in den 1980er Jahren, auf hochbudgetierten Hollywood-Horror zu setzen, wandte sich das Horrorkino seit der Jahrtausendwende wesentlich – und konsequent – einer Radikalisierung in anderer Hinsicht zu: Mit The Blair Witch Project (1999), dem bis heute letzten großen, revolutionären Horrorfilm, machte man sich daran, das verweigerte Bild zum wahren, mythisch aufgeladenen Ort des Grauens zu machen. Ausgerechnet der dezidierte Postmodernist Eli Roth hat nun mit Der letzte Exorzismus einen bereits im Vorfeld hoch gehandelten neuen Horrorfilm produziert, der sich in durchaus vergleichbarer Weise mit den authentifizierenden Mitteln der Mockumentary einem sehr klassischen Horrorfilmtopos nähert.
Als Dokumentarfilm getarnt, zeichnet Der letzte Exorzismus zunächst das Porträt eines erfolgreich operierenden evangelikalen Predigers – einer jener zwischen Showbusiness und Scharlatanerie operierenden Blender, wie sie sich in den USA ja immer wieder großer und erschreckender Beliebtheit erfreuen. Infolge des Todes eines Jungen durch einen Exorzismus gewinnt Reverend Cotton Marcus (Patrick Fabian) jedoch zunehmend Distanz zu seiner Profession, und der Dokumentarfilm, dessen vorgeblichem Dreh die Zuschauer von Der letzte Exorzismus beiwohnen, soll ihm Absolution erteilen, indem er den Hokuspokus und die Taschenspielertricks der zahlreichen von ihm selbst durchgeführten Exorzismen in aller Öffentlichkeit enthüllt. Natürlich kommt es, wie stets im Horrorgenre, anders als erwartet, und die Dämonen, auf die Reverend Marcus bei seiner Begegnung mit der 16-jährigen Nell Sweetzer (Ashley Bell) trifft, die seit dem Tod ihrer Mutter vom alkoholkranken Vater nahezu völlig von der Außenwelt isoliert lebt, sind nicht mit ein paar Zauberkunststückchen und ein paar Soundeffekten vom MP3-Player zu bannen …

Dem deutschen Regisseur Daniel Stamm, der bereits mit seinem Debütfilm A Necessary Death (2008) eine hochinteressante Arbeit in Fake-Dokumentarismus vorgelegt hatte, gelingt es tatsächlich, bei der Inszenierung der zahlreichen Plottwists, die Der letzte Exorzismus clever zwischen einer übernatürlichen und einer weltlichen Perspektive auf seine gepeinigte Protagonistin oszillieren lassen, seinen Zuschauern stets einen Schritt voraus zu sein. Der relativ akuten Gefahr eines jeden Horrorfilms mit christlichem Hintergrund, seinen verblendeten Protagonisten in ihrem religiösen Wahn letztlich recht zu geben, geht er zudem zumindest teilweise aus dem Weg. Zwar erweist sich auch die rein weltliche Perspektive auf die horriblen Geschehnisse der Filmerzählung als nicht wirklich tragfähig – aber schließlich ist das Horrorkino jenes Genre, das sich am nachhaltigsten und am effektivsten in den Räumen zwischen dem rational Erklärbaren und den tiefsten, irrationalsten Ängsten insbesondere in den Herzen unserer mythischen Welterklärungssysteme ereignet.


Quellen: youtube.de/medien.filmreporter.de/critic.de

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